Donnerstag, 12. März 2009

Unter dem Vulkan

Hallo!

Die Nachricht vom Amoklauf in Winnenden hat natürlich auch mich erreicht und schockiert. Letztlich bin ich ratlos wie vermutlich die meisten.

Für die Leute hier ist es eine Meldung von weit weg. Näher gehen ihnen die beiden Chilenen, die aus offensichtlich rassistischen Motiven in den USA ermordet wurden, und die Lehrerin, die am ersten Schultag mit einem Messer angegriffen wurde. Heute morgen gab es im Fernsehen eine Expertenrunde zu den Gewalttaten. Aufschlussreich fand ich, dass nur Uniformierte geladen waren. -

Nach meinem letzten Bericht verbrachte ich noch einen Tag in Coyhaique. Mittwoch wurde es ernst mit dem Schulbeginn, und die Stadt quoll über vor Schülern, die hier stets uniformiert sind. Breit diskutiert wurden in der Presse die Kosten für



Schulbücher. Viele Schüler gehen auf Privatschulen. Dort - so der Tenor der Artikel - werden oft Anschaffungen verlangt, die teuer sind (vor allem ausländisches Material für den Englischunterricht) und dann kaum benutzt werden.

Da mir alle anderen Wege versperrt waren, flog ich von Coyhaique nach Puerto Montt. Ein Flugzeugwrack am Rand der Piste liess ein mulmiges Gefühl aufkommen. War wohl ein altes Militärflugzeug, hätte aber mal jemand wegräumen können.

Von Puerto Montt aus habe ich verschiedene Tagesausflüge gemacht. Der erste führte auf die Insel Chiloé. Die wird ziemlich angepriesen. Landschaftlich erinnerte sie mich aber an Meck-Pomm, Hügelland mit Wiesen und Waldstücken.

Sehr sehenswert war die Inselhauptstadt Castro mit ihren bunten Holzhäusern





und den Palafitos. Wie man sieht, sind diese Häuser auf Stelzen gebaut, so



dass die Fischer mit ihren Booten direkt unter ihr Haus fahren konnten.

Vor allem aber gibt es auf der Insel eine grosse Zahl von Kirchen, die ebenfalls aus Holz gebaut sind. Die Kathedrale von Castro weist einen sehr schönen Innenraum in warmen Holztönen auf. Aussen hat man sie zum Wetterschutz mit hellgelbem Wellblech verkleidet. Sie dürfte damit weltweit das einzige Wellblechgebäude sein, das zum Weltkulturerbe zählt.

Hier noch eine Impression aus Puerto Montt: Die Sehnsucht des Rucksacktouristen



Das Gebiet zwischen Temuco und Puerto Montt wurde erst im 19. Jh. von Weissen besiedelt. 300 Jahre lang war es den Mapuche gelungen,ihre Heimat zu verteidigen. Unter den ersten Siedler waren viele Deutsche. Eine Gedenktafel in Puerto Montt erinnert daran.



Noch deutscher wird es dann 20 km nördlich in Puerto Varas. Der Ort liegt malerisch am Llanquihue-See mit Blick auf den Vulkan Osorno.






Viele deutsche Namen prägen das Stadtbild:



Ein "Schop" ist hier allerdings kein Glas Wein, sondern ein gezpftes Bier. "Kuchen" ist als Fremdwort in die chilenische Sprache eingegangen. Im ganzen Land verbreitet ist "el berlín". Leider wird er meist mit einer dicken Creme gefüllt statt mit Marmelade. Manche Backwarenanbieter übertreiben und schreiben statt Kuchen Küchen auf ihre Schilder - damit es deutscher aussieht.

Leider gibt es auch Fälle, in denen die Anbieter der deutschen Sprache weder grammatisch noch semantisch gewachsen sind:



Interessant wäre es herauszufinden, wann und wie dieses Dorf in der Nähe zu seinem Namen gekommen ist:



Positiv anzumerken ist zu Puerto Varas noch, dass ich dort meinen ersten echten Cappuccino bekam. Zu Recht heisst es im Lonely Planet: "Good coffee ist like gold dust in Chile." Bestellt man einen Kaffee, kommt der Kellner üblicherweise mit einer Tasse heissem Wasser und einem Körbchen mit Nescafé- und Zuckerportionen. Hat man Glück, dann ist auch noch ein Tütchen mit Milchpulver dabei. Cappuccino gibt es in feineren Cafés, aber in der Regel erhält man dann bereits fertig angerührten Nescafé mit Sprühsahne.

Restaurantbesuche sind auf den ersten Blick unkompliziert. Auf der Karte steht immer die gleiche begrenzte Auswahl von Gerichten. Oft ist es aber so, dass das Gericht selbst wirklich nur ein Stück Fleisch oder Fisch ist. Man bestellt Püree oder Reis dazu, Salat oder Gemüse kostet extra und die Sauce auch noch einmal. Da kommt schnell ein hübsches Sümmchen zusammen. Besser fährt man daher mit der Wahl eines Restaurants, das Hauptgerichte "con agregado" anbietet. Das bedeutet nicht, dass zum Verzehr ein technisches Hilfsmittel erforderlich ist, sondern dass die Beilagen bereits im Preis enthalten sind.

Mein letzter Tag in Puerto Montt führte mich in Chiles ältesten Nationalpark. Dort wanderte ich oberhalb des Allerheiligensees



zur Basis des Vulkans Osorno. So schön das Wetter an diesem Tag war, der



perfekte Vulkankegel versteckte sich in den Wolken. Erst später gab es freie Sicht auf den Gipfel. Leider gab in diesem Moment das Wechselobjektiv an meiner Kamera seinen Geist auf. Es war Samstag Nachmittag, und ich eilte nach Puerto Montt zurück. Leider gab es dort nur eine Lösung: ich habe eine neue Kamera gekauft. Am Montag habe ich dann noch meinen Teleskopstock im Wald vergessen. Die Recherche heute ergab: er ist von einem alten Ehepaar gefunden worden. Die haben dann alle Passanten im Wald angesprochen und ihn arglos dem ersten ausgehändigt, der "Oh ja, das ist ja meiner!" sagte. Pech!

Jetzt bin ich in Pucón am Fuss des Vulkans Villarrica - und am Ufer des gleichnamigen Sees. Bis gestern war es hier über 30 Grad warm, so dass ich mich wettermässig völlig umstelle musste.

Neben den Deutschstämmigen leben in dieser Gegend noch in grösserer Zahl Mapuche-Indios. In einem Nachbarort betreiben sie ein Restaurant und ein Kulturzentrum. Der Besuch dort war ein schönes Erlebnis, vor allem auf Grund der Aufgeschlossenheit und der Gastfreundschaft der Leute.

Am Folgetag war ich im Huerquehue-Nationalpark. Beeindruckend sind dort die Mammutbäume. Es gibt Coigüe, die haben dicke Stämme, die sich in fast ebenso gewaltige Äste verzweigen. Aufgrund ihres urzeitlichen Aussehens vielleicht noch eindrucksvoller sind die Araukarien. Dicke, bemooste Stämme ragen hoch in den Himmel. Erst ganz oben gibt es Äste. Sie haben dicke, fleischige Blätter, die ohne Stängel direkt auf den Ästen sitzen. Die Früchte sind wohlschmeckend, wovon ich mich im Mapuche-Restaurant überzeugen konnte.

Gestern dann der Höhepunkt: die Besteigung des Villarrica-Vulkans. Wir waren acht Teilnehmer, drei Bergführer begleiteten uns. Aufgrund des herrlichen Wetters waren noch Hunderte anderer Bergwanderer unterwegs. Zunächst führte der Aufstieg über Lavageröll, dann über ausgedehnte Schneefelder. Oben hatten wir eine fantastische Rundsicht. Der Aufenthalt war aber begrenzt, denn der schweflige Rauch aus dem Krater reizte die Atemwege. Der Rückweg ging sehr schnell. Wir legten halbwegs wasserfeste Schutzkleidung an und rutschten dann einfach durch Rinnen im Schnee den Hang hinunter. Bilder davon gibts, sobald ich mich mit der neuen Kamera besser vertraut gemacht habe.

So weit für heute. Jetzt gehe ich noch einmal in die Calle Clemente Holzapfel zu Marcia del Carmen Brintrup Brintrup und kaufe mir ein leckeres Eis. Das wird dort Portion für Portion aus gefrorenen Früchten angefertigt.

Bis zum nächsten Mal

Hans

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